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Bauformen und Unterscheidungsmerkmale

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Siemens&Halske (Siemens&Halske, Berlin)
Das erste elektromechanische Stellwerk überhaupt stammt von Siemens und wurde 1894 in Prerau in Betrieb genommen. Danach folgte eine Bauform 1896, die in einigen Stückzahlen produziert wurde. Sie (und auch das Stellwerk in Prerau) hat mit dem Aussehen späterer Stellwerke recht wenig gemeinsam, in nächster Näherung ist es mit einer Stelltafel zu vergleichen, auf der diverse Schalter angebracht sind.

Bauform 1896
Diese Bauform ist heute nicht mehr existent. Der Stellwerkskörper ist ein rechteckiger Kasten, an dessen Vorderseite in mehreren Reihen (üblicherweise drei) die Hebel für Weichen, Fahrstraßen und Signale, sowie die zugehörigen Überwachungseinrichtungen angebracht waren. Die Stellhebel entsprechen den typischen Siemens-Hebeln dieser Zeit. Das Verschlußregister liegt waagerecht in üblicher Höhe hinter dem Hebelwerksaufbau.

[Stellwerk 1896]
Quelle: Siemens&Halske 1908

Bauform 1901
Die Bauform 1901 besitzt schon gewisse Ähnlichkeiten mit den moderneren Bauformen. Im wesentlichen wurde jedoch der Baukörper und das Verschlußregister der mechanischen Siemens-Befehlswerke (siehe z. B.
Hofheim) verwendet. Das charakteristische an dieser Bauform sind daher die kleinen Hebelchen, die für das Stellen der Weichen und Signale verwendet werden. Bei der Bauform 1901 sind Fahrstraßen- und Signalhebel noch getrennt. Die Hebel sind üblicherweise einreihig angeordet. Bei Platzmangel wurden die Fahrstraßenhebel in einer zweiten Reihe aufgesetzt.
Die Überwachung der Fahrstraßen, Weichen und Signale erfolgt mit Farbscheiben, die unter den Hebeln angebracht sind.

[Halensee]
Detailansicht der Fahrstraßen-, Signal- und Weichenhebel. Die Fahrstraßenhebel können von der Mittelstellung nach links und rechts, die Weichen- und Signalhebel von links nach rechts umgestellt werden.

[Halensee]
Ansicht der Hebelwerk des Stellwerks Hal in Berlin Halensee

[Verschlußregister]
Verschlußregister und Verschlußstücke der Bauform 1901. Links Fahrstraßenhebel, an zweiter Stelle der Signalhebel, rechts davon Weichenhebel. Die Verschlußstücke sind auf die Achsen der Hebel aufgesetzt.

Bauform 1907
Die Bauform 1907 kommt der endgültigen Bauart näher. Nach unseren Vergleichen ist beispielsweise das Verschlußregister identisch mit dem des 1912-Typs. Erstmals wurde auch auf gesonderte Fahrstraßenhebel verzichtet, sie sind mit den Signalhebeln zu Fahrstraßensignalhebeln vereinigt worden: durch das Umlegen des Hebels in die 30 Grad-Stellung wird die Fahrstraße mechanisch verschlossen, bei einem Winkel von 45 Grad wird die Fahrstraße blockelektrisch festgelegt, bei 90 Grad kommt das zugehörige Signal in Fahrtstellung.
Die Hebel sind typischerweise mit Messing ummantelt, die Funktion des Hebels kann an der farbigen Frontplatte erkannt werden.

Ein Unterschied zeigt sich auch bei den Farbscheiben. Sind beim 1912-Typ die Farbscheiben für Befehlsempfang in Grundstellung rot, ist es bei der Bauform 1907 genau umgekehrt: weiß. Die Sichtfenster sind rund und über und unter den Hebeln angeordnet. Bei den Fahrstraßensignalhebeln befinden sich oben die Farbscheiben für Befehlsempfang/Zustimmungsabgabe und Fahrstraßenfestlegung, unten für Kuppelstrom und Signalrückmelder. Bei den Weichenhebeln befindet sich die Farbscheibe oberhalb des Hebels; ist für die Weiche eine Hebelsperre eingerichtet, befindet sich im unteren Sichtfenster ein blauer Balken.

[Stellwerk Mühlhausen]
Teilansicht des Stellwerks Mn in Mühlhausen (Thür), zwischen die originalen Messinghebel haben sich einige 1912-Hebel eingeschmuggelt.

[Verschlußregister]
Verschlußregister und Verschlußstücke der Bauform 1907 (und 1912). Die Verschlußstücke sind auf die Fahrstraßenschubstange aufgesetzt.

Bauform 1907/12
In Görlitz existierten Hebelwerke der Bauform 1907/12. Der Hebelwerkskörper entspricht dem Typ 1912, jedoch ergeben sich bei den Farbscheiben und bei einigen mechanischen Komponenten Unterschiede. Es ist bislang fraglich, ob es sich wirklich um eine eigene Bauform handelt, oder möglicherweise Stellwerke der Bauform 1912 mit alter Farbscheibenanordnung in Sachsen/Schlesien als Bauform 1907/12 bezeichnet wurden.
Während bei der Bauform 1912 die Farbscheibe für die Festlegung unten ist, darüber die beiden kleinen Farbscheiben für Zustimmungs- bzw. Befehlsempfang angebracht sind, ist die Anordnung bei der Bauform 1907/12 genau umgekehrt. Ebenfalls sind bei der Form 1907/12 die Farbscheiben blau und nicht rot lackiert. Die gleiche Anordnung findet sich auch z.B. im Stellwerk in Brugg AG der SBB.

Bauform 1912
Die Bauform 1912 entspricht der heute am weitesten verbreiteten Gruppe von elektromechanischen Stellwerken. Die Überwachung der Weichen und Fahrstraßen erfolgt mit Farbscheiben. Es wird unterschieden zwischen Stellwerken mit alter und neuer Farscheibenanordnung.

Alte Farbscheibenanordnung
Die Anordnung der Farbscheiben ist das von außen am besten erkennbare Unterscheidungsmerkmal der beiden Bauformen. Intern unterscheiden sich beide Bauformen im Schaltungsaufbau, insbesondere im Bereich der Fahrstraßenfestlegung.

Bevor eine Fahrstraße eingestellt oder festgelegt werden kann, durchläuft das Stellwerk während der Drehbewegung des Fahrstraßensignalhebels diverse Zulassungsprüfungen. Sind die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt, wird über einen Magneten ein Sperrpendel betätigt, das das Weiterdrehen des Hebels mechanisch zuläßt oder im Falle negativer Voraussetzungen (z.&nsp;B. keine Weichenendlage) verhindert.

Bei den Stellwerken mit alter Farbscheibenanordnung dient derselbe Magnet erst als Magnet für den Zustimmungs-/Befehlsempfang und danach als Magnet für die Fahrstraßenfestlegung. Die Farbscheibe wechselt nach Eingang des Zustimmungs-/Befehlsempfangs von blau in weiß und nach der Festlegung wieder von weiß auf blau. Als weiterer Unterschied zu den Stellwerken mit neuer Farbscheibenanordnung sind die von einer Zustimmung/einem Befehl abhängigen Hebel nicht wie üblich bis 30 Grad frei bewegbar, sondern in Grundstellung bis zum Eintreffen der Zustimmung/des Befehls verschlossen.

Neue Farbscheibenanordnung
Bei den Stellwerken mit neuer Farbscheibenanordnung kommen je Fahrstraße getrennte Magnete für den Zustimmungs-/Befehlsempfang und die Festlegung zum Einsatz. Dementsprechend sind die Fahrstraßensignalhebel auch ohne Eingang eines Befehls oder einer Zustimmung zumindest bis zur 30°-Stellung (mechanischer Verschluß) frei beweglich und die getrennten Farbscheiben wechseln im Laufe der Fahrstraßeneinstellung nur einmal ihre Farbe von rot auf weiß.

Die alte Farbscheibenanordnung ist fast nicht mehr zu finden (bzw. entspricht möglicherweise der o. g. Bauform 1907/12). Aus der Bauform 1912 wurden einige verbesserte Versionen abgeleitet, z. B. die Bauform E43, bei der die Farbscheibenüberwachung der Glühlampenüberwachung gewichen ist: im Hebelwerksaufbau zeigen weiße und rote Lampen den Zustand der Weichen und Fahrstraßen an. Außerdem wurden Änderungen an den Schaltanlagen (z. B. Weichenansteuerung) vorgenommen.

Hier trennen sich nun im wesentlichen die Wege zwischen westdeutscher Bundesbahn und ostdeutscher Reichsbahn: während im Westen die Begriffe 1912 für Farbscheiben- und E43 für Lampenüberwachung gewählt wurden, ist bei der Reichsbahn nur der Begriff 1912 für beide Arten der Überwachung angewandt worden.

[Rüsselsheim]
Ansicht des Fahrdienstleiterstellwerks in Rüsselsheim: vorne in rot die Fahrstraßensignalhebel, dahinter in grün Befehlsagabe, sowie ganz hinten in blau Weichenhebel. Unter der Glasscheibe befindet sich das Verschlußregister.

[Rüsselsheim]
Detailansicht einiger Fahrstraßensignalhebel, sowie den darüber angebrachten Farbscheiben. Die große Farbscheibe dient zur Anzeige der Festlegung (weiß=Fahrstraße festgelegt), die kleinen Farbscheiben darüber zeigen den Befehls- bzw. Zustimmungsempfang an (weiß=Befehl/Zustimmung eingegangen).

Bauform E43
Im Prinzip wäre diese Bauform nicht mehr unter Siemens einzuordnen, da die Produktion auf die Nachfolgegesellschaft VES übergegangen ist. Gegenüber der ursprünglichen 1912-Bauform wurden einige elektrische Komponenten geändert, sowie die Farbscheiben gegen Glühlampen ausgetauscht. Auch hier zeigen sich Unterschiede: Es gibt Stellwerke, bei denen die zu einem Hebel gehörenden Lampen waagerecht nebeneinander angebracht sind, bei anderen Stellwerken (siehe Foto unten) sind die Lampen versetzt.

[Stellwerk Hanau]
Detailansicht des Stellwerks Hs in Hanau Hbf: vorne die Weichenhebel, daran anschließend unter dem Glas das Verschlußregister, darüber im Hebelwerksaufbau die Glühlampenüberwachung, darauf aufgesetzt diverse andere Überwachungslampen und Sondertasten (Rangier- und Ersatzsignale).

Bauform E43/50
Im Bereich der Deutschen Bundesbahn wurde aus dem Typ E43 ein Typ E43/50 abgeleitet, dessen wesentliche Änderung gegenüber der bisherigen Bauform in neuen Einheitsschaltungen besteht. Dies wurde u. a. auch dem vermehrten Aufkommen der Lichtsignale geschuldet. Die Signalstellung erfolgt dabei üblicherweise nach dem bekannten Schema (Fahrstraßensignalhebel auf 90 Grad), z. T. werden ähnlich dem E12/78 die Signale über gesonderte Tasten und nicht mehr über den Fahrstraßensignalhebel auf Fahrt gestellt. Der Fahrstraßensignalhebel wurde in diesem Fall zum reinen Fahrstraßenhebel zurückgestuft, der nur noch bis 45 Grad umgelegt werden kann (elektrische Festlegung). Gelegentlich finden sich auch (wie z. B. in Gießen) umgerüstete Stellwerke mit Farbscheibenüberwachung.

[Stellwerk Gießen]
Teilansicht der Hebel im Stellwerk Gießen Gn

Bauform E12/78
Im Bereich der Deutschen Reichsbahn führten Lieferengpässe bei Gleisbildstellwerken Ende der 1970er Jahre zu einer Wiederaufarbeitung von elektromechanischen Stellwerken. Dabei wurden grundsätzlich Lichtsignale aufgestellt. Bei der Ansteuerung der Signale im Hebelwerk kommen im wesentlichen zwei Varianten zum Einsatz:

  1. Ein roter (Fahrstraßen-) Signalhebel, der in die 45 Grad-Stellung gebracht wird, das Signal kommt selbsttätig in Fahrtstellung (ggf. auch erst verzögert nach Eingang des Rückblocks).
  2. Ein grüner Fahrstraßenhebel, der ebenfalls in die 45 Grad-Stellung gebracht werden kann. Die Signale werden anschließend über Tasten im Hebelwerksaufbau oder über ein getrenntes Gleisbildstellpult mit der Signalfahrt- und der zugehörigen Signaltaste bedient.
Ein wesentlicher Unterschied gegenüber den herkömmlichen S&H 1912-Stellwerken: es kommen Drehstromweichenmotoren zum Einsatz.

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[Signal Blankenese]

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Holger Kötting